Das neue MACHERMAGAZIN erscheint am 1. Dezember
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Anschreiben ab sofort verboten

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Ich könnte behaupten, Berlin sei eine aufregende Stadt. Ich könnte behaupten, Berlin sei eine Stadt, die niemals schläft und in der ein Kreativitätspotential steckt, das in regelmäßigen Intervallen explodiert, um die glühend heiße Lava der Erkenntnis in die Welt hinauszuschleudern und die Menschen mit sensationell innovativen Gedanken zu überschütten. Ich könnte behaupten, dass Berlin voller liebreizender Menschen sei, die man auf seinem Weg zu den Galerien, Theatern und Lesebühnen ständig und immerzu umarmen und herzen möchte. Ich könnte behaupten, dass Berlin voller Abenteuer und Attraktionen sei und von daher zu recht ein Sehnsuchtsort für Touristen aus aller Welt. Ich könnte behaupten, dass Berlin die Stadt des guten Geschmackes sei, maßgebend und stilprägend in Sachen Mode. Ich könnte behaupten, dass ich Teil dieser urbanen Maschinerie voller Glamour, Intellektualität und Weltläufigkeit sei, möglicherweise gar eines ihrer Schmiermittel.

Gelogen wäre das nicht. Also gut, ich gebe zu, vielleicht ein kleines bisschen. Denn mein Berlin besteht nach Feierabend zumeist aus dem Besuch eines kleinen Lädchens in meiner Straße. Wenn ich die Tür nach innen drücke und das kleine, helle Glöckchen erklingt, erwartet mich ein Lächeln hinter dem Verkaufstresen. Denn Bassam ist ein freundlicher Mensch. Er stammt aus dem Libanon und bietet vierzehn Stunden am Tag und an sieben Tagen in der Woche all das feil, was ich zur Bewältigung meines Alltags benötige: Zeitungen, Zigaretten, gekühlte Getränke und Schokoriegel. Kurzum, Bassam ist der Besitzer eines Kreuzberger Spätverkaufs, den man in Berlin gerne „Späti“ nennt und der einen Mikrokosmos für sich darstellt.

Da ist Adele, die gebrechliche Arbeiterwitwe, die allen männlichen Anwesenden stets eine erst kurz zurückliegende Affäre mit sich andichten möchte. Oder Piotr, der Taxifahrer, der sich zwischen zwei Fahrten gerne eine heimliche Flasche polnisches Bier genehmigt. Oder Bertram, der Hilfshausmeister einer Schöneberger Gesamtschule, der auch am Wochenende seine Arbeitsuniform niemals ablegt. Oder Susanne, die Sonderschülerin, die regelmäßig ein Zehnerpack Hühnereier aus dem Kleingartengehege ihrer Mutter gegen eine Tüte Gummibären eintauscht. Oder Jürgen, der Frührentner, der immer wieder aufs Neue ungefragt erzählt, wo es in Tempelhof die besten Grillhähnchen gibt.

Neuerdings hängt ein Schild über der Ladentheke: „Anschreiben ab sofort verboten – wir wollen doch Freunde bleiben!“ Ein paar Kunden habe er dadurch verloren, antwortet Bassam auf meine Nachfrage, aber bei Außenständen von gut 2.000 Euro höre der Spaß auch bei ihm irgendwann auf. Er sei ja schließlich nicht die Heilsarmee und habe eine Familie zu ernähren. Und sein freundliches Lächeln will er sicherlich auch nicht verlieren, denke ich mir. Auch wenn es gegen Abend immer erschöpfter ausfällt.

Ja, ich behaupte steif und fest, Berlin ist eine aufregende Stadt.

Foto: © Dirk Schulte

Geburtssoester, Zwischendurchleipziger, Wahlberliner. Industriekaufmann, staatlich anerkannter Erzieher, abgeschlossenes Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Kurzgeschichten, Theaterstücke, Romane. Werbetexte, Reportagen, Glossen. Lesen, Schwimmen, Reiten. Äh, ohne Schwimmen und Reiten. Dafür Fußball und Kino. Und vieles mehr.

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Geburtssoester, Zwischendurchleipziger, Wahlberliner. Industriekaufmann, staatlich anerkannter Erzieher, abgeschlossenes Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Kurzgeschichten, Theaterstücke, Romane. Werbetexte, Reportagen, Glossen. Lesen, Schwimmen, Reiten. Äh, ohne Schwimmen und Reiten. Dafür Fußball und Kino. Und vieles mehr.

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MACHERMAGAZIN Nr. 2 – Herbst 2018

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